Generalleutnant Wolfgang Wien beim Neujahrsempfang von der Alumni-Vereinigung Hachenburg e.V ©Matthias Endres

Studierende zu Gast beim Neujahrsempfang des Alumni-Netzwerks

Ein großer Vorteil des Studiums in Hachenburg ist die Vernetzung innerhalb der Bundesbank und BaFin. Die Absolventenvereinigung Alumni Schloss Hachenburg fördert diese Netzwerkbildung für die Zeit nach dem Studium und hat zum Neujahrsempfang geladen. In diesem Jahr besuchten auch Studierende, die erst seit wenigen Monaten in Hachenburg studieren, die Veranstaltung in Frankfurt. Dort hörten sie eindeutige Worte des Generalleutnants Wolfgang Wien, dem deutschen militärischen Vertreter bei der NATO und EUIch hätte selbst nicht gedacht, dass unsere Sicherheit, unser Frieden und unsere Freiheit nochmal derart stark bedroht wird. Nach unserem alten Verständnis der Eskalationsstufen Frieden, Krise, Krieg sind wir nicht mehr im Frieden. Denn vieles, was nicht in die Kategorie ‚Frieden‘ passt, passiert schon jetzt. Deswegen sprechen wir im Englischen treffender von competition, crisis, war. 

Wolfgang Wien machte auch deutlich, wer die Sicherheit und Freiheit der westlichen Demokratien bedrohe – nämlich die sogenannten CRINK-Staaten. Damit sind China, Russland, Iran und Nordkorea gemeint. Diese Staaten lehnen unsere Werte und unsere Ordnung ab. Und sie halten die Demokratien für schwach. 

Nadelstiche, keine Zufälle

Besonders konkret sei die Bedrohung durch Russland, dass zwar im Krieg mit der Ukraine bereits eine Million Soldaten verloren habe, aber dennoch 1,5 Millionen Soldaten zur Verfügung habe. Wofür braucht Russland 1,5 Millionen Soldaten? fragte der Generalleutnant das Publikum. Er sagte auch, dass Russland seine Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft umgestellt habe: Dort werden jährlich mehr Panzer produziert als wir in Kerneuropa besitzen. Auch die Erziehung an den Schulen sei paramilitärisch geprägt. Russland ist leidensfähig, die Menschen werden aufgeputscht gegen uns. Die Eisenbahn- und Stromausfälle in Frankreich, Deutschland und Polen sind kein Zufall, das sind allesamt Nadelstiche. Sie testen, wie weit sie gehen können, erläuterte Wien. In der Denkweise Putins gebe es keine „Ko-Existenz“ von Russland und der NATODa gibt es nur Siegen oder Verlieren.

Auch China bereite sich auf einen Konflikt vor. Taiwan soll bis 2049 Teil der Volksrepublik sein. Im Dezember 2025 hat China mit 2.000 Fischereischiffen eine Blockade geübt, betonte Wolfgang Wien. China denkt in Dekaden, wir denken in Wahlperioden.

„Handeln ist gefragt“

Wolfgang Wien bei seiner Rede beim Neujahrsempfang von der Alumni-Vereinigung Hachenburg e.V ©Lando Haas
Wolfgang Wien bei seiner Rede
Die Konsequenz ist für Generalleutnant Wien eindeutig: Es reicht nicht, zu analysieren – Handeln ist jetzt gefragt. Dabei hob er auch hervor, dass die NATO ohne die EU nicht denkbar sei – und umgekehrt: Die NATO profitiert von der politischen Stabilität der EU und von ihrer wirtschaftlichen Stärke. NATO und EU sind miteinander verzahnt. Gerade in der jetzigen Lage gelte, so Wien, die Kooperation zwischen NATO und EU zu verstärken, die EU strategisch neu auszurichten und die Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Deshalb sei es richtig, dass die NATO ihre Verteidigungsfähigkeit stärke: Vor einigen Jahren hatten wir für den Ernstfall 40.000 Soldaten, die auf gepackten Koffern sitzen. Jetzt sind es 300.000 innerhalb von 30 Tagen – und weitere 500.000 in 180 Tagen.

Er begrüßte in diesem Zusammenhang den „Aufwuchs der Bundeswehr“ durch die Zeitenwende 2022, nachdem jahrelang zuvor warnende Stimmen von der Politik ignoriert wurden. Auf 460.000 aktive Soldaten und Reservisten, Männer und Frauen, solle die Bundeswehr anwachsen. Für Wolfgang Wien ist klar: Wenn die Freiwilligkeit dafür nicht ausreicht, muss die Wehrpflicht folgen. Er hat selbst vier erwachsene Kinder und vier Enkelkinder – und wünscht sich, dass über diese Frage auch in den Familien diskutiert wird, weil dies auch den sicherheitspolitischen Diskurs insgesamt voranbringe. 

„Knowhow und kluge Köpfe“

Ein ehemaliger Student stellt eine Frage an Wolfgang Wien ©Lando Haas
Diskussionsrunde nach dem Vortrag
Dennoch zeigte der Generalleutnant auch Zuversicht: Wir sind nicht ohnmächtig in Deutschland und Europa. Wir haben das Knowhow und kluge Köpfe. Und in der NATO halten wir durch die Beistandsklausel wie eine Familie zusammen. In der folgenden Diskussionsrunde beteiligten sich auch die Studierenden der Bundesbank-Hochschule. Dabei wurde der Militär dann u. a. gefragt, ob die USA unter der Regierung Trump noch ihrer Beistandspflicht nachkommen würden. Ich bin mir sehr sicher, dass sie uns helfen werden. Ich habe ein Grundvertrauen in die USA, erwiderte Wolfgang Wien, der in den USA sein Masterstudium absolvierte. Und er ergänzte: Wir müssen den USA aber zeigen, dass wir in Europa wieder selbst mehr für unsere Verteidigung tun. Das haben auch schon andere US-Präsidenten zu uns gesagt, Trump fordert es nun ein.