Eberhard Pohl sprach an der Hochschule der Deutschen Bundesbank über Europas Optionen nuklearer Abschreckung. ©Urs Lendermann

Nukleare Abschreckung: Welche Optionen hat Europa?

Am 24. Juni 2026 war Botschafter a.D. Eberhard Pohl erneut zu Gast an der Hochschule der Deutschen Bundesbank. Auf Einladung von Professor Urs Lendermann sprach er vor Studierenden und Lehrenden zum Thema „Die Zukunft nuklearer Abschreckung – welche Optionen hat Europa?“.

Pohl hatte bereits 2022 an der Hochschule zur europäischen Sicherheitspolitik nach der „Zeitenwende“ referiert. Der damalige Vortrag behandelte die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine für die europäische Sicherheitsordnung. Der jetzige Abend knüpfte daran an und führte die Debatte auf eine noch grundlegendere Ebene: die Frage nach der Zukunft nuklearer Abschreckung in Europa.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, wie Europa auch künftig seine Sicherheit gewährleisten und seine politische Handlungsfähigkeit erhalten kann. Lange galt nukleare Abschreckung vielen als Thema des Kalten Krieges. Inzwischen ist sie wieder Teil der sicherheitspolitischen Gegenwart. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, nukleare Drohungen aus Moskau und Zweifel an der Belastbarkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien haben eine Debatte zurückgebracht, der Europa nicht ausweichen kann.

Pohl ordnete diese Entwicklung zunächst in die bestehenden sicherheitspolitischen Grundlagen ein. Die Nationale Sicherheitsstrategie der Bundesregierung hält fest, dass, solange es Nuklearwaffen gibt, glaubwürdige nukleare Abschreckung für die NATO und die Sicherheit Europas unerlässlich bleibt, um Frieden zu erhalten, Aggression vorzubeugen und nukleare Erpressung zu verhindern. In diesem Sinne definiert das Strategische Konzept der NATO von 2022 das Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv des Bündnisses als geeignete Mischung aus nuklearen, konventionellen, Raketenabwehr-, Cyber- und Weltraumfähigkeiten.

Vor diesem Hintergrund diskutierte Pohl die zentralen Optionen, die derzeit auch in der Studie „Mind the Deterrence Gap: Assessing Europe’s Nuclear Options“ der European Nuclear Study Group behandelt werden. Dazu gehören die weitere Abstützung auf die erweiterte nukleare Abschreckung der USA, eine stärkere Rolle der französischen und britischen Nuklearstreitkräfte, der Aufbau einer europäischen nuklearen Abschreckungsfähigkeit, neue nationale Nuklearprogramme sowie eine gestärkte konventionelle Abschreckung ohne eigene nukleare Komponente.

Deutlich wurde: Für Europa gibt es kein Patentrezept. Ein bloßes „Weiter so“ greift ebenso zu kurz wie ein pauschaler Ruf nach europäischer Eigenständigkeit. Nukleare Abschreckung ist nicht nur eine Frage militärischer Fähigkeiten. Es muss auch der politische Wille glaubhaft sein und überzeugend kommuniziert werden, diese notfalls einsetzen zu können. Wirksame Abschreckung baut auf Glaubwürdigkeit, politischer Geschlossenheit und gemeinsamer Handlungsfähigkeit.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der deutsch-französischen Beziehung. Pohl ging auf die gemeinsame Erklärung Frankreichs und Deutschlands vom 2. März 2026 ein, in der beide Staaten eine engere Zusammenarbeit im Bereich der Abschreckung angekündigt haben. Zugleich zeigte er, dass Überlegungen zu einer europäischen oder einer neuen nationalen nuklearen Abschreckungsfähigkeit nicht losgelöst von ihren Auswirkungen auf das internationale Nichtverbreitungsregime und den Verpflichtungen Deutschlands aus dem Zwei-plus-Vier-Vertrag geführt werden können.

Eberhard Pohl mit Urs Lendermann ©Urs Lendermann

In der anschließenden Diskussion wurden die strategischen, politischen und rechtlichen Grenzen europäischer Handlungsoptionen intensiv erörtert. Für die Studierenden bot der Abend die Gelegenheit, ein hochaktuelles Thema aus der Perspektive eines Diplomaten kennenzulernen, der deutsche und europäische Sicherheitspolitik über Jahrzehnte unmittelbar begleitet und mitgestaltet hat. Pohl war – nach einer Station in der Politischen Abteilung der deutschen NATO‑Vertretung in Brüssel – im Auswärtigen Amt Referatsleiter für Grundsatzfragen der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, Sicherheitspolitischer Direktor, Botschafter in der Türkei und Ständiger Vertreter Deutschlands bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien.

Die Veranstaltung machte deutlich: Nukleare Abschreckung ist kein historisches Randthema. Sie gehört wieder zu den Kernfragen europäischer Sicherheit. Gerade deshalb muss über ihre Voraussetzungen, Risiken und Alternativen offen, nüchtern und informiert gesprochen werden.