Jens Weidmann besucht virtuell die Hachenburg-Studierenden

Personen auf einem Bildschirm
So fern und doch so nah: Die Studierenden im virtuellen Dialog mit dem Bundesbankpräsidenten.

Mittwochnachmittag, 15:29 Uhr, Hachenburg: Es ist klirrend kalt, eine dicke weiße Schneepracht verziert den Westerwald. Normalerweise würden sich Studierende an der Hochschule der Bundesbank nun darüber unterhalten, wie sie am Freitag den Heimweg realisieren wollen – oder wegen des Winterwetters lieber im Westerwald bleiben. Doch was ist in Corona-Zeiten schon normal?

Daher sitzen an diesem Tag 40 Studierende deutschlandweit an ihren Rechnern, ob in Lörrach, auf der Insel Fehmarn, oder in der Nähe von Magdeburg. Sie nehmen virtuell an der in Englisch gehaltenen Vorlesung von Professorin Lilli Zimmermann über Makroökonomik teil. „Home-Studium“ im Dauermodus, man spürt es: Abwechslung tut not.

„Wir helfen uns gegenseitig, wo wir können“

Und dafür sorgt an diesem Nachmittag der Chef der Bundesbank höchstpersönlich. Präsident Jens Weidmann hat sich angekündigt und stößt um 15.31 Uhr zur virtuellen Veranstaltung. „Es hat technisch nicht sofort geklappt, ich musste jetzt über das iPad reingehen“, entschuldigt er gleich seine minimale Verspätung. Weidmann verzichtet auf eine längere Einleitung, erkundigt sich vielmehr gleich nach der Gemütslage der Studierenden in Hachenburg. „Wie läuft es online, haben sich schon virtuelle Lerngruppen gebildet?“, fragt er in die Runde. Paul Weitzer meldet sich von Lörrach aus und erklärt, dass er die Kommilitonen seines Jahrgangs immerhin schon einmal in Hachenburg getroffen habe. Student Stephane Ewig aus der Nähe von Rostock meint, dass der Zusammenhalt des Studienjahrgangs durch das gemeinsam geteilte Schicksal „Home-Studium“ sogar noch besser sei: „Wir helfen uns gegenseitig, wo wir können.

“Weidmann will wissen, ob sich die Studierenden, die im Herbst 2020 in der Bank begonnen haben, sich schon als „Bundesbanker“ fühlen? Professorin Lilli Zimmermann weist darauf hin, dass dieses Gefühl vor allem durch die Praxisphasen geprägt werde. Studentin Meike Hannig meldet sich aus Fehmarn und bedauert, dass die nächste Praxisphase ab April für viele online stattfinden werde.

Online-Vorlesungen anstrengender als vor Ort

Weidmann fragt, wie die Studierenden ihren Tag zuhause strukturieren. „Anfangs hatte ich damit Probleme, war nach der langen Online-Vorlesung gerädert“, räumt Meike Hannig ein. „Jetzt nehme ich mir vor, jeden Tag an die frische Luft zu gehen – und das mache ich auch.“ „Ich sehe, wir wenden die gleichen Tricks an“, antwortet der Präsident. Er verrät, dass für ihn persönlich ein ganzer Tag, gefüllt mit Videokonferenzen, anstrengender sei als Besprechungen von Angesicht zu Angesicht im Büro. „Wenn es passt, gehe ich auch mal mit dem Hund nach draußen und erledige, wenn ich ungestört bin, einige Telefonate beim Spaziergang.“

„Die schwierigste Krise der Nachkriegszeit“

Natürlich wollen die Studierenden auch von ihrem Präsidenten wissen, wie er die aktuelle wirtschaftliche Lage einstuft. Florian Otto, der sich aus der Nähe von Magdeburg meldet, fragt den Präsidenten, wie die hohen Corona-Schulden abgebaut werden könnten und wie gefährlich in diesem Zusammenhang die Anleihekäufe des Eurosystems seien. Der Bundesbankpräsident weist auf die besondere Situation der Währungsunion hin: „Es gibt eine gemeinsame Geldpolitik, aber keine gemeinsame Haushaltspolitik.“ Gegen dadurch bestehende Anreize, sich stärker zu verschulden, gebe es Schutzmechanismen wie die europäischen Fiskalregeln. „Solide Fiskalpolitik ist eine Grundvoraussetzung für eine Geldpolitik, die auf Preisstabilität ausgerichtet ist“, betont Weidmann. Deshalb sei es wichtig, dass die staatlichen Hilfsmaßnahmen befristet seien. Aber er sagt auch, wie einzigartig die Corona-Krise sei und jetzt in besonderer Weise die Fiskalpolitik fordere: „Es ist wohl die schwierigste Krise der Nachkriegszeit.“

Das Koordinatensystem nicht verschieben

Er stellte in diesem Zusammenhang klar: „In dieser Situation ist eine expansive Geldpolitik wichtig, aber die geldpolitischen Krisenmaßnahmen dürfen kein Dauerzustand werden.“ Die Geldpolitik müsse darauf achten, dass ihre Anleihekäufe die Disziplinierung der öffentlichen Finanzen durch die Kapitalmärkte nicht untergraben würden.  Es sorgt den Bundesbankpräsidenten, dass sich das grundlegende Koordinatensystem der Notenbanken verschieben könnte: „Erst gab es die Finanz- und Staatsschuldenkrise, jetzt die Pandemie. Es besteht die Gefahr, dass der Weg zur Normalität in immer weitere Ferne rückt.“

Sascha Glittenberg fragt, welche Lehren denn die Bundesbank für ihre zukünftige Arbeitswelt aus der Pandemie ziehen soll: „Was wird sich nach Corona in der Bank dauerhaft ändern?“  Weidmann weist darauf dahin, dass die Pandemie noch nicht vorüber sei, aber er sieht jetzt schon einen klaren Trend: „Die Balance zwischen Präsenz und Home Office wird sich sicher verschieben. Wir haben während der letzten Zeit gelernt, dass vieles auch von zuhause aus geht. Dennoch werden auch physische Treffen und Dienstreisen notwendig bleiben und je länger die Pandemie dauert, desto mehr merken wir, wie sehr uns die informellen und persönlichen Kontakte fehlen.“ Die Corona-Krise habe der Bank einen Digitalisierungsschub gegeben, sei es mit Blick auf das papierlose Büro oder eben virtuelle Treffen.

Es ist 16:19 Uhr, gut eine Viertelstunde länger als vorgesehen, als sich der Präsident virtuell verabschiedet, nicht ohne einen Fingerzeig: „Ich freue mich darauf, nächstes Mal wieder physisch in Hachenburg vorbeizukommen.“ Bei den Studierenden kommt aber auch die virtuelle Abwechslung vom „Home-Studium“ sehr gut an, die Resonanz ist durchweg positiv.

Text: Matthias Endres
Screenshot: Benedikt Stahl